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Sport im Landbote vom 25. Juli 2020

Hunde und grosse Gesten - die besten Momente der Tour de France

Die Highlights der 21 Etappen Jonas Vingegaard verewigt sich als Sieger der legendärsten Radrundfahrt. Das Rennen lebt aber auch von heiteren Episoden, heiklen Situationen und waghalsigen Aktionen.
Eine Auswahl.   
                                                                                    
Pia Wertheimer

Ein, zwei, drei: Das Radchaos des Siegers
Die Tour ist noch jung. Im Gelben Trikot fährt in der mit Pflastersteinpassagen gespickten fünften Etappe noch Wout van Aert. Als das Velo seines Mitstreiters, des späteren Siegers Jonas Vingegaard seinen Dienst versagt. Keine Spur vom Mannschaftswagen mit den Ersatzrädern des Teams Jumbo-Visma. Kurzerhand bietet ein Teamkollege Vingegaard sein Velo an, der dankbar aufspringt.
Die Geste ist gut gemeint. Doch der Grosszügige ist gross und bedenkt nicht, dass der Däne bedeutend kleiner ist als er selbst. Unmöglich für Vingegaard, im Sattel sitzend zu fahren. Ein weiterer, kleinerer Helfer des Teams hält. Und hopp, zweiter Radtausch für Vingegaard. Weil jedoch der Teamwagen kurz darauf doch noch bei ihm eintrifft, steigt er ein drittes Mal um - diesmal auf sein eigenes Ersatzvelo.

 Der Star schenkt sein Trikot dem (falschen) Helfer in der Not
Wout van Aert trägt einen grossen Teil zum Triumph von Jonas Vingegaard bei und fährt durch seinen unermüdlichen Einsatz, drei Etappensiege, drei zweite Plätze und zahllose Efforts auch in die Herzen der Zuschauerinnen. Für einen Fan macht er diese Tour aber unvergesslich: Nach der Siegerzeremonie auf dem Col du Granon, wo er sein Grünes Trikot überstreift, fährt er bergab zurück zum Teambus. Ein Platten zwingt ihn zum Stopp - mitten in einer Menschenmenge. Da fackelt ein Zuschauer nicht lange, setzt seine Pumpe an und legt sich für den Star ins Zeug. Van Aert zieht daraufhin kurzerhand sein Punkteleadertrikot aus und drückt es dem Mann neben ihm als Dank in die Hand.
Vielleicht ist dieser deshalb so erstaunt, weil nicht er es war, der sich abgemüht hatte, sondern sein gleich gekleideter Begleiter, erkennbar an der anderen Farbe des Helms. Was Van Aert offensichtlich übersah.

Stuntreifer Sturz: Auf die Heckscheibe des Autos
Ein Schutzengel fehlt dem Neuseeländer Jack Bauer auf der 18. Etappe. Er ist hinter dem Mannschaftswagen von Tadej Pogacar unterwegs, als dieser wegen eines gestürzten Fahrers vor ihm eine Vollbremsung hinlegt. Weil just in diesem Moment sich die Strasse verengt und ein Medien-Töff Jack Bauer unmittelbar vorausfährt, kann dieser nirgends mehr ausweichen, wird auf die Heckscheibe des Autos geschleudert, rollt filmreif ab, um wieder auf die Beine zu kommen. Der Sturz hätte dem Namensvetter aus der US-Hitserie «24» alle Ehre gemacht.

Tragische Vorgeschichte: Der berührendste Etappensieg
Der Sieg in der 16. Etappe geht direkt ans Herz: Wie viele andere jagt auch Hugo Houle einem Triumph an der Tour hinterher. Der Kanadier tut dies aber aus einem tragischen Grund. Er will ihn seinem jüngeren Bruder Pierrik widmen. Dieser ist vor rund zehn Jahren, drei Tage vor Weihnachten, von einem betrunkenen Lastwagenchauffeur überfahren worden. Berichten zufolge soll Hugo Houle die Hand seines kleinen Bruders gehalten haben, während die Ärzte vergeblich versuchten, diesen zu reanimieren. Und seither hegt der kanadische Fahrer, was er selbst vor zwei Wochen noch «einen verrückten Traum» nannte. Doch auch so einer kann wahr werden: Als Solist gewinnt Hugo Houle in Foix, den Zeigfinger gen Himmel gestreckt. Ein Hühnerhautmoment.

Der unermüdliche Angreifer: Ein Sujet für Karikaturisten
Unvergessen bleiben auch die Anfeuerungsrufe des Teamchefs von Tadej Pogacar, der auf der elften Etappe noch im Gelben Trikot unterwegs ist. «Keep fighting, Tadej, never give up!», funkt er seinem Schützling, als dieser kurz vor der Bergankunft am Col du Granon nach einer Attacke von Jonas Vingegaard kapituliert. «There is only one day! You are the best!», bemüht sich der Teamchef mit immer leiser werdender Stimme. Alles umsonst. Pogacar kann Vingegaard nicht folgen, gut zwei Minuten trennen nach der Ankunft den Slowenen vom Dänen. Der zuletzt zweimalige Tourdominator und Sieger muss dem Herausforderer das Gelbe Trikot überlassen.
Von dieser Etappe an schlüpft Jonas Vingegaard in die Rolle einer Klette, er klebt geradezu am Hinterrad des Rivalen, lässt ihm keine Möglichkeit, Zeit gutzumachen. So auch auf der 18. Etappe, bei der die Zuschauerin das Treiben kaum mehr aushält: Schier unermüdlich lanciert Pogacar Attacken, um sich des Leaders zu entledigen, mal im Anstieg, mal auf der Kuppe, mal in der Abfahrt, dann wieder beim nächsten Anstieg. Es ist zermürbend: Der Slowene tritt an, der Däne reagiert, der Slowene kapituliert, der Däne hängt sich wieder ans Hinterrad. Kurze Verschnaufpause. Dann beginnt das Spiel von vorn. An Pogacars vergeblichen Kampf, den Leader abzuhängen, finden Karikaturisten ihre helle Freude.

Wenn fast das Herz stehen bleibt: Pidcocks Höllenfahrt
Der Brite Thomas Pidcock ist Olympiasieger der Mountainbiker im Crosscountry, Weltmeister im Cyclocross - und an dieser Tour raubt er den Zuschauern mit seiner rasanten Abfahrt vom Col du Galibier den Atem. Zu einem windschlüpfrigen Päckchen zusammengekauert, erreicht der Brite zuweilen weit mehr als 80 Kilometer pro Stunde, legt sein Rad wie keiner in die Kehren, umkurvt seine Kontrahenten auf der Aussenbahn und lässt sich nicht einmal aus der Fassung bringen, als er einen Randstein touchiert. Mit dieser spektakulären Abfahrt macht der Brite viel Zeit gut - und gewinnt später nach einem (fast) ebenso eindrücklichen Aufstieg auf die Alpe d’Huez die Prestige-Etappe dieser Tour.

Das Wetter: Rutschpartie und Bruthitze
Die Teilnehmer der 109. Tour kämpfen nicht nur gegen Kontrahenten und die Zeit, sondern auch unter schwierigen Wetterbedingungen. So verkommt der Auftakt - ein Zeitfahren in Kopenhagen - aufgrund des Regens zu einer wahren Rutschpartie. Das bekommt der Schweizer Stefan Bissegger zum Auftakt schmerzhaft zu spüren. Er stürzt gleich zweimal und schlittert, als sässe er auf einer Rutschbahn, gleich mehrere Meter auf dem Hosenboden weiter.

Die Tour de France laugt die Fahrer jeweils richtig aus. Die diesjährige Austragung sollte sie aber richtiggehend kochen. Derart, dass die Veranstalter die Strassen kühlen müssen. Die Fahrer behelfen sich vor dem Start mit Eiswesten, um sich möglichst lange kühl zu halten, und stecken Eispakete unters Trikot oder in die Socken. Doch nicht nur das, sie gönnen sich quasi en passant in voller Fahrt auch einmal ein Glace.

Ungebetene Gäste: Ein Streuner und Demonstranten
Die Veranstalter planen die Etappen akribisch, sperren Strassen, verlegen Strohballen in gefährlichen Kehren. Alles können sie jedoch nicht voraussehen. Das zeigen die vergangenen drei Wochen. Zuweilen kommt es zu heiklen Situationen, etwa, als sich ein grosser, schwarzer Hund ins Feld verirrt und nicht mehr herausfindet. Viele Fahrer vermögen dem Streuner auszuweichen, einige stürzen. Was aus dem Vierbeiner geworden ist und ob er seinen Ausflug auf die Tourstrecke unbeschadet überstand, ist leider nicht bekannt. Für die Fahrer hat der Zwischenfall ausser Schürfungen und technischer Defekte jedenfalls keine ernsthaften Konsequenzen.
Nicht so glimpflich verläuft hingegen eine Blockade auf der 15. Etappe. Bei Kilometer 138 auf dem Weg von Rodez nach Carcassonne haben sich Demonstranten auf der Strasse niedergelassen und weigern sich, diese zu verlassen. Sie können nicht schnell genug weggebracht werden, sodass es im Hauptfeld zu Stürzen kommt. Einer der Unglücklichen ist Steven Kruijswijk, ein Teamkollege des späteren Siegers. Er muss das Rennen mit einem gebrochenen Schlüsselbein aufgeben.

Es ist nicht das erste Mal, dass Demonstranten das Rennen beeinträchtigen. Bereits während der zehnten Etappe haben Aktivisten eine Blockade errichtet und zünden gar Rauchbomben auf der Strecke.

Der Pechvogel: Thibaut Pinot
Auf der achten Etappe verfolgt das Pech die ständige französische Hoffnung Thibaut Pinot. Innert zwei Minuten schlägt es gleich zweimal zu - beim zweiten Mal gar im wahrsten Sinne des Wortes. Erst erwischt es Pinot in einer Massenkarambolage im Peloton. Kaum hat er sich wieder aufgerappelt und ist im Feld etwas Ruhe eingekehrt, kommt es für den Franzosen zum zweiten Malheur. Er übersieht den Betreuer einer anderen Mannschaft (oder umgekehrt), der einem Fahrer eine Verpflegungstasche reichen will - die ausgestreckte Faust trifft ihn direkt ins Gesicht. Gäbe es ein Pechvogeltrikot, würden wir es Thibaut Pinot verleihen, denn unterlegt mit dem richtigen Soundtrack, bricht einem die Szene fast das Herz.

Ein Spezialpreis: Der Letzte ist als Erster in den Ferien
Die Auszeichnung «Lanterne rouge» (rote Laterne) ist nicht wirklich ruhmreich und doch legendär. Sie bezeichnet den Letztplatzierten der Tour - jeweils ein viel beachteter Fahrer bei der Ankunft des Trosses auf den Champs Élysées. Dieses Jahr bejubeln die Fans den Australier Caleb Ewan in dieser Rolle. Auf ihn wartet nun ein ganz besonderer Preis, den ein Reiseveranstalter finanziert. Denn wie es im Werbespot von «The Last» heisst: «Wenn es einer verdient, als Erster in den Ferien zu sein, dann er!» Übrigens, bisher trugen vier Schweizer die Rote Laterne ins Ziel: Pietro Tarchini, Fritz Zbinden, Walter Favre und Gilbert Glaus.

Für die Geschichtsbücher: Die sportliche Geste des Siegers
Und zum Schluss jene Szene dieser Tour, die wohl in die Sportgeschichte eingehen wird: Die beiden Ersten des Gesamtklassements rasen in der 18. Etappe auf einer schmalen, teilweise verkiesten Strasse abwärts. Pogacar macht vorne Tempo, will einen Fehler von Vingegaard provozieren, um dessen Vorsprung von mehr als zwei Minuten zu verringern. Plötzlich schlingert das Rad des Maillot jaune, der Däne muss aus den Pedalen und hält dank einer akrobatischen Einlage das Gleichgewicht. Er braucht einige Hundert Meter, bis er wieder an Pogacars Hinterrad ist.

Dieser fährt, als wäre der Teufel hinter ihm her - und tappt in die eigene Falle: Er rutscht auf einer Kiesbank am Strassenrand und stürzt. Ohne seinen Schürfungen Beachtung zu schenken, rappelt er sich auf, schwingt sich in den Sattel und macht sich auf eine harte Verfolgungsjagd gefasst. Diese bleibt jedoch aus: Leader Vingegaard bewegt sich nur noch im Schritttempo und wartet einige Kehren weiter auf seinen Kontrahenten, um einige Kilometer später die Etappe - und damit auch das Tourduell - auf faire Weise zu gewinnen.

Offizieller TdF-Weblink

Schaffhauser Nachrichten  25.07.2022)

Schmächtiger Körper, grosses Herz 

26 Jahre nach Bjarne Riis gewinnt Jonas Vingegaard als zweiter Däne die Tour de France. Wer Tadej Pogacar so souverän in Schach hält, ist zweifelsohne der richtige Sieger. Das 25-jährige Leichtgewicht aus Jütland überzeugt auch charakterlich.
Jonas Schneeberger RADSPORT.
Es gab diese eine Szene nach dem Zeitfahren am vorletzten Tour-Tag. Jonas Vingegaard kommt als Zweiter ins Ziel, dort empfängt ihn Wout van Aert, der Tagessieger und Teamkollege bei JumboVisma, euphorisch und fällt ihm in die Arme. Kurz darauf ist Vingegaard bei seiner Frau Trine Hansen, in den Armen hält er die kleine Tochter Frida. Dass seine Liebsten bei ihm waren in diesem Moment, in dem sein Tour-Triumph de facto Tatsache wurde, sei ihm wichtig gewesen, sagt Vingegaard. «Ich bin ein Familienmensch. Ein Familienmensch, der die Zeit am liebsten mit seinen Frauen zu Hause verbringt. Sie sind meine Stützen.» Auch als Radprofi ist Vingegaard kein verbissener Einzelgänger, sondern einer, der sich im Bedarfsfall auch in den Dienst der Mannschaft stellt, wie er in der Vergangenheit bewiesen hat. Aber jetzt ist aus dem Helfer ein Leader geworden. Ein sensibler Leader, welchen das euphorische Heim-Publikum beim Tour-Auftakt in Dänemark, dem Grand Départ, zu Tränen rührte. Pavés überstanden, Alpen dominiert Der neue Leader von Jumbo-Visma behauptete sich bei seiner erst zweiten TourTeilnahme recht überraschend und sehr deutlich gegen Tadej Pogacar, den Triumphator der letzten beiden Jahre und vermeintlichen Dominator der Gegenwart, der nach zwei Etappensiegen in Folge in der ersten Woche bereits mit dem «Kannibalen» Eddy Merckx verglichen wurde. Die einzigen bangen Momente habe er auf den Pavés der 5. Etappe gehabt, sagt Vingegaard – dort, wo sich die Hoffnungen von Teamkollege Primoz Roglic durch einen Sturz zerschlugen. «Ich hatte Probleme mit der Kette und musste im ganzen Chaos das Rad wechseln – der reinste Stress.» Ansonsten sei alles «wirklich gut gelaufen» für ihn. Das Pendel schlug in der 11. Etappe auf die Seite des vermeintlichen Aussenseiters um. In dieser Alpen-Etappe hoch auf den Col du Granon oberhalb von Albertville brach Pogacar am letzten Anstieg ein. Vingegaard holte fast drei Minuten heraus und profitierte dabei von der Stärke seines Teams, das den auf sich alleine gestellten Pogacar den ganzen Tag über mit einer Vielzahl an Attacken zermürbte. Dabei ist die Rivalität zwischen den beiden freundschaftlich geprägt. Als Vingegaard seinem Widersacher in der 11. Etappe fast drei Minuten abnahm und damit den Grundstein zum Tour-Triumph legte, gratulierte ihm Pogacar im Ziel aufrichtig und ohne Anflug von Missgunst. Auch im weiteren Verlauf umarmten sich Vingegaard und Pogacar nach Etappenankünften immer wieder. «Der Bessere hat gewonnen. Wir haben gesehen, wie stark Jonas ist – viel stärker als im letzten Jahr. Es ist ein harter Gegner und ein wirklich netter Typ», anerkannte Pogacar. Vingegaard agierte auch im Stile eines Sportsmanns, als Pogacar in der 18. Etappe in einer Abfahrt stürzte und der Däne auf seinen Konkurrenten wartete. «Wir verstehen uns gut, respektieren uns gegenseitig. Tadej ist ein super Typ, sehr sympathisch, einer der Besten der Welt.» So klingt es in den Worten von Vingegaard. Bei seiner Premiere vor einem Jahr wurde Vingegaard Gesamtzweiter hinter Pogacar. Er sprang damals in die Bresche, nachdem Primoz Roglic schwer gestürzt war. 2022 war das interne Duell zunächst offen, doch wieder entpuppte sich der schmächtige Flachländer aus Dänemark als der grössere Trumpf im Team. Spätzünder aus der Fischfabrik Vingegaard ist der erste dänische Tourde-France-Sieger seit Bjarne Riis 1996. Seine Fortschritte in den letzten Jahren sind beachtlich. Tadej Pogacar gewann seine erste Tour 2020 mit 21 Jahren. Im selben Alter arbeitete der Spätzünder Vingegaard morgens noch in einer Fischfabrik an der Westküste und stieg erst nachmittags aufs Rad. Pogacar fuhr schon in den Nachwuchsrennen allen davon, Vingegaard radelte da noch unter dem Radar. Erst als Jumbo-Visma 2018 vom dänischem Amateur-Team auf ihn aufmerksam gemacht wurde und Zugang zu seinen Trainingsdaten erhielt, nahm die Karriere Fahrt auf. Natürlich sorgen die rasanten Fortschritte auch für Skepsis. Die seit den Skandalen in den 90er-Jahren standardmässige Frage nach Doping moderiert der 1,75 m grosse und 60 kg leichte Vingegaard gekonnt ab: «Wir sind total sauber. Jeder von uns. Ich kann für das ganze Team sprechen. Niemand von uns nimmt etwas Verbotenes.» Die Dominanz seines Teams fusse auf dem seriösen Training, so Vingegaard. «Wir sind aufgrund unserer Vorbereitung so gut. Wir haben Höhentrainingslager weiterentwickelt. Wir schauen auf das Material, die Ernährung, das Training. Das Team gehört in diesen Punkten zu den besten. Deshalb muss man uns glauben.» (sda)





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