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     Radrennsportfreunde Schaffhausen

Glanz und Elend des Radsports

Der junge Schweizer Marc Hirschi hat es bereits weit gebracht - aber auch alle Vorurteile gegenüber seiner Disziplin am eigenen Leib erfahren.Ein Velorennfahrer ist im Schnitt 250 Tage unterwegs: Marc Hirschi an einem der seltenen übrigen Tage im Juni in Bern.

Text Christof Gertsch  Bild Ulrike Meutzner

Im Frühling vor einem Jahr, als ihn ausserhalb des Velosports noch keiner kannte, stand der junge Berner Radfahrer Marc Hirschi vor einer schweren Entscheidung. Bis dahin hatte es ihn nicht gross gestört, dass sein rechtes Bein seit Geburt leicht verkürzt ist, doch der Oberschenkelknochen stiess beim Velofahren immer an den Hüftknochen, und nun kämpfte Hirschi vermehrt mit schmerzhaften Entzündungen. Sollte er sich operieren lassen, wie es die Ärztinnen und Ärzte in der Spezialklinik empfahlen?

Dann kam die Pandemie. Nicht lebensnotwendige Spitalbehandlungen wurden ausgesetzt, und Marc Hirschi blieb bloss der Gang in die Physio.

Einen kleinen Eingriff nahm er aber doch vor, an seinem Velo. Er liess die Kurbeln verkürzen, wodurch die Pedale näher ans Kettenblatt rückten. Nun konnte er kleinere Tretbewegungen machen und musste den Oberschenkel nicht mehr so weit hochziehen. Er dachte, den Versuch sei es wert.

Er wusste, wo sich am ehesten ein Nachteil daraus ergeben würde: an der Flèche Wallonne, dem Wallonischen Pfeil. Das ist ein Rennen in den belgischen Ardennen, eines der wichtigsten der Welt. Bekannt ist es für die «Mur de Huy», den nicht speziell langen, aber brutal schweren Schlussanstieg. Wer ihn als Schnellster erklimmen will, muss viel Kraft freisetzen. Das war Hirschis Problem: Die Verkürzung der Kurbeln mochte die Hoffnung auf schmerzfreies Sporten wecken, gleichzeitig verringerte sich - kurzer Ausflug in die Physik - wegen des Hebelgesetzes die Kraft pro Pedalumdrehung.

Jetzt, im Frühling 2021, muss Hirschi lachen, als er auf einer Parkbank im Berner Vorort Ittigen - wo er aufgewachsen und kürzlich in eine eigene Wohnung gezogen ist - darüber spricht, was seither geschehen ist. Denn die Saison, die so beschwerlich begann, hat ihm den internationalen Durchbruch gebracht.

Das liegt an drei Ereignissen, die in der Pandemie-bedingt auf ein Vierteljahr geschrumpften Wettkampfphase seltsam dicht aufeinander folgten: Am 10. 9. der Etappensieg an der Tour de France. Am 27. 9. die Bronzemedaille an den Strassen-Weltmeisterschaften. Und am 30. 9. die Flèche Wallonne.

Nach fast sieben Jahrzehnten
An jenem Mittwochnachmittag erreichte Hirschi nach mehr als viereinhalb Rennstunden und 190 ununterbrochen hügeligen Kilometern in der Gruppe der Besten die «Mur de Huy». Bei den bisherigen Rennen hatten sich die verkürzten Kurbeln bewährt, zusammen mit intensiver Physiotherapie: Die Hüfte schmerzte weniger, und die Leistung war nicht merklich beeinträchtigt. Aber was würde jetzt sein?

Im ersten Teil der Steigung setzte sich der Australier Richie Porte an die Spitze. Er war in Bestform. Nur Tage zuvor hatte er die Tour de France auf dem dritten Platz beendet. Erstaunlicherweise ignorierte er die eiserne Regel der «Mur de Huy»: Wer zu früh angreift, wird es später bereuen.

Hirschi war geduldiger, er setzte sich an Portes Hinterrad fest. In seinem Rücken befand sich der Slowene Tadej Pogajar, der Überraschungssieger der Tour de France. Als Einziger im vorderen Teil des Feldes war er noch nicht aus dem Sattel gegangen.

Je steiler die Strasse wurde, desto mehr Fahrer fielen ab. Etwa zehn hatten hundert Meter vor dem Ziel noch Siegeschancen. Porte nicht, er hatte sein Pulver verschossen. Aufs Tempo drückte jetzt der Kanadier Michael Woods, mit 34 Jahren relativ alt.

Doch sie alle hatten das Nachsehen, auch Pogaar, der schlussendlich drittplatzierte Woods und der Franzose Benoît Cosnefroy, der Zweiter wurde (dessen Namen man sich allerdings ebenfalls merken sollte).

Hirschi übertrumpfte sie, sprang so abgeklärt von Portes Hinterrad zum Hinterrad von Woods, als würde er die Flèche Wallonne nicht zum ersten, sondern zum zwanzigsten Mal bestreiten. Er gewann das Rennen als erster Schweizer seit fast sieben Jahrzehnten. Damals - 1951 und 1952 - war Ferdy Kübler der Schnellste, der Arbeitersohn aus Adliswil, bis heute der einzige Schweizer Tour-de-France-Sieger.

In Ittigen sagt Hirschi trocken: «Ich glaube, dass ich mir über Nachteile wegen der verkürzten Kurbeln keine Gedanken mehr machen muss.»

Er ist jetzt einer der Grossen, mit noch nicht einmal 23 Jahren. In einem Sport, in dem es wegen der Dopingskandale zur Gewohnheit geworden ist, die Grossen kritisch zu beäugen.

Radsport findet nicht auf einem streng begrenzten Basketballfeld oder in einem Pool statt, sondern an der Küstenpromenade und auf dem Pass, im Dorf oder in der nächsten Stadt.

Ein Velorennen ist im wahrsten Sinn eine Reise, man weiss nie, was einen erwartet. Gestern fuhren sie noch im Schneesturm über die Pyrenäen, morgen erreichen sie schon das Mittelmeer. Sie durchqueren Wüsten, erklimmen die Anden, sie erkunden in dreiwöchigen Rundfahrten ein ganzes Land.

Sie lassen Ausreissergruppen ziehen, spannen ihre Kollegen für die Aufholjagd ein und sprinten mit 60 Kilometern pro Stunde um den Sieg. Sie greifen nicht an, wenn der Gesamtleader gestürzt ist. Sie verpflegen sich aus Stofftaschen, und vor schweren Etappen schmieren ihnen die Helfer als Stimmungsaufheller Nutellabrote. Sie quälen sich sechs Stunden durch Regen, und wenn sie Pech haben, kann ihnen dabei nicht mal jemand zusehen, weil das Übertragungsflugzeug, das die Signale von den Kameramotorrädern auffangen sollte, wegen Unwetterwarnungen keine Starterlaubnis bekommt. Wenn es mit dem Fernsehbild aber klappt, dann führen sie uns, und das ist an diesem Sport das Traumhafte, in die bezauberndsten, abgelegensten Gegenden. Wir meinen, wir verfolgen einen Wettkampf, aber eigentlich schauen wir dem vollen Leben zu.

Genau so lernte Marc Hirschi den Velosport kennen: auf der Rückreise von den Ferien in Frankreich. Der Vater, ein fleissiger Hobbygümmeler, weckte seine Begeisterung. Gemeinsam fuhren sie dem Tour-de-France-Tross voraus die Alpenpässe ab. Am letzten Anstieg des Tages warteten sie mit Tausenden auf die Profis. Dann legten sie sich zum Schlafen in ihren Toyota Previa.

Das war vor einem Jahrzehnt. Der Radsport steckte in der schlimmsten Krise. Man spürte noch die Nachwehen der Dopingskandale von 1998 (rund um das französische Team Festina) und 2006 (um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes). Doch schon folgte die nächste Erschütterung: 2012 wurde der bekannteste Velofahrer der Welt überführt, der Tour-de-France-Rekordsieger Lance Armstrong. Der hatte nicht einfach betrogen. Er hatte Menschen bedroht, gedemütigt.

Was macht das mit einem jungen Schweizer, der sich gerade in diesen Sport verliebt? Es macht ihn auf jeden Fall sehr einsam.

Alles selbst bestimmen
Als Hirschi einige Jahre nach den Ausflügen zur Tour de France seine ersten lokalen Rennen bestritt, hatte er oft nur drei oder vier Gegner. Die wenigen Fans am Strassenrand erzählten ihm von der Zeit, als Velorennen in der Schweiz fast so beliebt waren wie Skirennen und die Starterfelder in den Nachwuchskategorien sechzig, hundert, sogar hundertfünfzig Fahrer umfassten. Aber Hirschi mochte es, mit seinem Vater und dem kleinen Bruder ein Hobby zu teilen und alles selbst zu bestimmen, nicht wie zuvor im Fussballverein, wo der Erfolg auch von den Launen anderer abhängig gewesen war.

Der Vater Heinz Hirschi, ein IT-Techniker, organisierte sich die Arbeit so, dass er so viel wie möglich mit ihm trainieren konnte. Hatte Marc im Winter Techniktraining auf der Bahn in Aigle, fuhr Heinz ihn hin. «Ich war ehrgeizig, trainierte extrem viel», sagt Marc Hirschi. «Ich dachte immer, dass es für mich ideal wäre, wenn es im Sport nur um Fleiss ginge und null um Begabung. So müsste ich bloss den ganzen Tag trainieren und wäre der Beste.»

Dann wurde Roland Richner auf ihn aufmerksam, der frühere Technische Direktor von Swiss Cycling, der an der Sports Academy in Solothurn nun wieder junge Fahrer trainierte. Er erinnert sich genau daran, wann Hirschi ihn erstmals verblüffte. Er war 16 und machte einen Leistungstest. Richner sagt: «Sprintfähigkeit, Sauerstoffaufnahmefähigkeit, Grundlagenausdauerfähigkeit - Marc hatte da schon in allen physischen Leistungskomponenten, die einen guten Fahrer ausmachen, hervorragende Voraussetzungen.»

Es war der Beginn einer längeren Zusammenarbeit, in deren Verlauf Richner noch weitere Eigenschaften an Hirschi entdeckte, die ihn beeindruckten: Akribie und Körpergefühl.

Richner ist selbst ein sehr sorgfältiger Trainer, aber ein Sportler, der schon in seinen Anfängen so exakt Buch über seine Trainings führt, war ihm nie begegnet. «Marc gab mir ein Excel-Dokument, in dem säuberlich jedes Training notiert war, das er je mit seinem Vater absolviert hatte. Und ich hatte auch noch nie mit einem Sportler gearbeitet, der so gut spürt, wie es ihm geht. War er erschöpft? Vertrug er noch eine harte Einheit? Seine Rückmeldungen waren unglaublich präzise.»

Doch Richner wusste auch, dass all dies gar nichts wert ist, wenn Hirschi nicht über die Fähigkeit verfügt, die man in der Sprache des Radsports, im Italienischen, la grinta nennt: Biss, Durchhaltevermögen. Auch: Renninstinkt. La grinta bedeutet, dass man erkennt, wann die Gegner am Ende sind; an wessen Hinterrad man sich im Sprint orientieren muss; wo am Berg der Moment für den Angriff kommt; in welcher Fluchtgruppe es sich mitzugehen lohnt; zu welchem Zeitpunkt im Rennen man ein wenig durchschnaufen kann; wann man mit jeder Faser seines Körpers aufmerksam sein muss, weil man sonst stürzt oder die entscheidende Situation verschläft.

Viele glauben, man könne la grinta nicht lernen, Hirschi ist da anderer Meinung. Er sagt: «Vieles weiss ich von meinem Vater, weil wir uns auf Ausfahrten immer unterhielten. Aber ich interessiere mich auch einfach sehr für Taktisches. Wenn ich an meinen Beinen scheitere, kann ich damit umgehen. Wegen eines dummen Fehlers möchte ich nicht verlieren.»

Als Jugendlicher sass Hirschi stundenlang vor dem Fernseher, spulte die grossen Rennen vor und zurück. An welcher Position befand sich der Sieger zehn Kilometer vor dem Ziel? Wann griff er an? Warum gewann einer, auf den niemand gesetzt hatte?

«Wir waren Freaks, wollten alles über Radsport wissen», erinnert sich Joab Schneiter, Hirschis Jugendfreund aus Ittigen. Sie trainierten zusammen, bestritten jahrelang alle Rennen zusammen. Später trennten sich die Wege, Schneiter fährt heute für Vini Zabù, ein Profiteam der zweithöchsten Stufe, dessen Wettkampfprogramm sich nur selten mit dem Hirschis deckt.

Als Hirschi letztes Jahr an der Tour de France debütierte, befand sich Schneiter zu Hause. Doch er war trotzdem dabei: Wenn Hirschi wieder mal um einen Etappensieg fuhr, unterbrach Schneiter sein Training, suchte ein Café und schaltete sein Handy ein, sah die Bilder aus Frankreich und hörte die Fernsehkommentatoren, die er seit Jahren kannte, und war wahnsinnig stolz. Was an diesem Tour-Neuling jetzt alle so beeindruckte, hatte Schneiter schon in den Juniorenrennen bemerkt: «Ich musste mich nur da aufhalten, wo Marc war, dann war ich richtig. Er hat ein wahnsinniges Gespür dafür, sich im Feld zu bewegen.»

Ein anderer, der Hirschi in diesen Lehrjahren aus der Nähe erlebte, ist Thomas Peter, damals Leistungssportchef, heute Geschäftsführer von Swiss Cycling. Er weiss noch, wie er fassungslos beobachtete, als Hirschi eine halbe Stunde vor dem wichtigsten Rennen des Jahres wie ein Tourist im Bus sass, neben sich sein Köfferchen, den Blick aus dem Fenster gerichtet. Dabei ist das Hirschis Art, mit Druck umzugehen: ruhig bleiben.

Das war 2015 in Richmond, Virginia, an Hirschis ersten Weltmeisterschaften. Er trat bei den Junioren an und wurde von hundertsiebzig Gestarteten Neunter. Drei Jahre später in Innsbruck fuhr er bei den unter 23-Jährigen. Das ist eine besonders umkämpfte Kategorie, weil sich da entscheidet, wer den Sprung zu den Profis schafft. Wie immer nahm Hirschi auch am Zeitfahren teil, vier Tage vor dem Strassenrennen. In einer Kurve stürzte er; obwohl er sich nicht verletzte, dachten doch viele, das werde ihm zu schaffen machen. Auch Thomas Peter. Er sagt: «Oft muss nach einem Unfall etwas Zeit verstreichen, bis sich ein Velofahrer wieder eine mutige Fahrweise zutraut.»

Doch Hirschi war nicht blockiert: Im Strassenrennen griff er in der Abfahrt hinunter nach Innsbruck an, in einer Rechtskurve, als die zwei verbliebenen Begleiter nicht damit rechneten. Es war ein Risiko, aber es machte sich bezahlt. Als einer der jüngsten Teilnehmer der U-23-Kategorie wurde er Weltmeister.

Stillschweigen
Wie hoch die Leistung einzuschätzen ist, wird noch deutlicher im Rückblick. Denn inzwischen weiss man, was für eine aussergewöhnlich begabte Generation damals am Start war.

Hier eine kleine Auswahl der Fahrer, die sich in Innsbruck hinter Marc Hirschi klassierten: Auf Platz 4 sein Landsmann Gino Mäder, der in diesem Mai eine schwere Bergetappe des Giro d’Italia gewann. Auf Platz 65 der Ungar Attila Valter, der bei ebendiesem Giro mehrere Tage die Maglia Rosa trug, das rosa Trikot des Gesamtleaders. Auf den Plätzen 15, 22, 78 der Russe Aleksandr Vlasov, der Norweger Tobias Foss und der Portugiese João Almeida, die den Giro allesamt unter den besten zehn beendeten. Und auf Platz 7 Tadej Pogaar, der derzeit weltbeste Rundfahrtenspezialist, der Tour-de-France-Sieger des letzten Jahres - und neuerdings Hirschis Teamkollege.

Wie es dazu kam, dass Hirschi seit Anfang Saison für das Team Emirates fährt - eine italienisch geprägte, aber von den Vereinigten Arabischen Emiraten finanzierte Equipe -, ist eine komplizierte Geschichte. Sie zu erzählen, wird nicht leichter dadurch, dass Hirschi und sein altes Team über die Vertragsauflösung Stillschweigen vereinbart haben, irgendwer von der Gegenseite dieses Abkommen aber gebrochen zu haben scheint. Es geht um Geld und einen verwirrenden Vorwurf.

Alles begann 2018, als sich Hirschi noch vor dem Gewinn des Weltmeistertitels für Sunweb als seine erste Station bei den Profis entschied. Chef des niederländischen Teams ist Iwan Spekenbrink. Ihm werden drei Dinge nachgesagt: Dass er ehrlich darauf bedacht ist, junge Fahrer zu fördern. Dass er sein Team mit Strenge führt. Und dass er keine allzu hohen Löhne zahlt. Offiziell sagt niemand etwas, aber das Jahreshonorar, das er mit Hirschi vereinbarte, dürfte sich auf etwa 60’000 Euro belaufen haben.

Der Vertrag mit Sunweb galt ab 2019 für drei Jahre, doch Ende 2020 kam es zur Trennung. Wegen der Stillschweigevereinbarung sagt Hirschi dazu kein Wort, und auch der sonst gesprächige Fabian Cancellara hält sich bedeckt. Der beste Schweizer Radprofi der letzten zwei Jahrzehnte, der seine Karriere 2016 beendete, stammt ebenfalls aus Ittigen und steht Hirschi seit 2019 als Manager zur Seite.

Aufbruchsstimmung
Was führte zu Hirschis Weggang? Geld war sicher ein Faktor. Schon mit seinem Tour-de-France-Debüt hatte Hirschi seinen Marktwert um ein Vielfaches erhöht, als er die zweite Etappe als Zweiter, die neunte Etappe als Dritter und die zwölfte Etappe als Erster beendete. Tage später wurde er WM-Dritter, dann erklomm er als Schnellster die «Mur de Huy».

Eine 75-Kilometer-Soloflucht an der Tour, waghalsige Abfahrten, dieses rundum selbstbewusste Auftreten: Es gab in der kurzen Corona-Saison 2020 so viele Spektakelmomente von Marc Hirschi, dass man ohne Probleme finden konnte, 60’000 Euro für die nächste Saison seien etwas wenig.

Der Jahreslohn, den ihm das Team Emirates nun bezahlt, wird auf eine halbe Million Franken geschätzt.

Eine weitere Erklärung für Hirschis Aufbruchsstimmung könnte gewesen sein, dass ihm Spekenbrinks Strenge nicht mehr zusagte: Die Ernährungsvorgaben, das rigide Trainingsregime, der generell tiefe Grad an Selbstbestimmung. Zuvor hatten sich deswegen die Topfahrer Marcel Kittel, Warren Barguil, Tom Dumoulin und Michael Matthews aus laufenden Verträgen mit Sunweb befreit.

Unzureichende Entlöhnung und fehlende Freiheiten sind nachvollziehbare Gründe. Allerdings ist eine vorzeitige Vertragsauflösung im Radsport noch immer selten, erst recht so kurz vor Beginn einer neuen Saison. In einer grossen Videoveranstaltung war Hirschi von Sunweb bereits als Leader für 2021 präsentiert worden.

Warum Spekenbrink ihn ziehen liess, zugleich aber auf einer Stillschweigevereinbarung bestand, bleibt ein weiteres Rätsel. Fürchtete er sich vor einer Blossstellung, wenn Hirschi über die Trennungsgründe geredet hätte?

Doch dann geschah das Gegenteil: Hirschi wurde vorgeführt. Im Februar, Wochen nach Bekanntwerden der Trennung, behauptete AD, eine der grössten Zeitungen der Niederlande, unter Berufung auf anonyme, aber offenbar teamnahe Quellen, zwischen Hirschi und der Teamleitung habe seit Monaten ein Konflikt geschwelt: Hirschi habe Sunweb gar nicht verlassen wollen, die Trennung sei vom Team erzwungen worden. Der Grund: fehlendes Vertrauen. Hirschi habe gewisse Fragen des Teams nicht beantwortet und sei als Risiko betrachtet worden.

Wenn im Radsport jemand von Risiko redet, läuten die Alarmglocken: Doping? Das Gerücht verbreitete sich schnell, neben Schweizer Medien berichteten französische, italienische, belgische, deutsche und viele englischsprachige Sportpublikationen.

War Hirschi nicht gerade in die Liga der Grossen aufgestiegen?

Um es kurz zu machen: Nie hat eine weitere Quelle - anonym oder nicht - die Vorwürfe bestätigt. Wegen der Stillhaltevereinbarung hat sie offiziell aber keiner der Beteiligten widerlegen können. Hirschi sagt, er habe versucht, von dem Gerede nichts mitzukriegen. «Das wäre mir sonst sehr nahegegangen. Vielleicht wirke ich manchmal etwas unbeteiligt, aber ich bin nicht der Typ, den es kaltlässt, wenn die Leute schlecht über einen denken.»

Dazu hatte ihm auch sein Manager Cancellara geraten, der sich in jenen hektischen Tagen an seine eigene Zeit erinnert fühlte, als sein Leben zweimal eine ganz ähnliche Verdichtung erfuhr. Zuerst 2006, als er innert weniger Monate den Klassiker Paris-Roubaix gewann, Weltmeister im Zeitfahren wurde und sich im Zusammenhang mit dem Fuentes-Skandal erstmals mit Dopinggerüchten konfrontiert sah. Dann 2008, als er Olympiasieger wurde, eine belgische Zeitung die Behauptung streute, er sei an der Tour de France positiv getestet worden - und der «Blick» schon Strassenumfragen machte: «Glauben Sie, dass Fabian Cancellara gedopt hat?»

Anfang 2021 sagte Cancellara zu Marc Hirschi: «Es zählt nur, dass du ehrlich zu dir selbst bist. Dass du am Morgen aufstehen und guten Gewissens in den Spiegel schauen kannst.»

Und so halten die beiden es auch, wenn es um Hirschis neues Umfeld geht, das Team Emirates und dessen Chef Mauro Gianetti. Der Tessiner ist ein Radsportvertreter mit ramponiertem Image: 1998 unterstellte man ihm Doping, als er nach einem Zusammenbruch an der Tour de Romandie auf der Intensivstation des Spitals in Lausanne tagelang um sein Leben kämpfte (Gianetti bestritt den Vorwurf immer). Und 2008 musste das von ihm geführte Team Saunier Duval die Tour de France verlassen, nachdem nicht zum ersten Mal einer seiner Fahrer des Dopings überführt worden war.

Wie viel vom alten Radsport steckt im neuen? In welche Welt hat sich Marc Hirschi hineinbegeben?

Der Radsport 2021 ist nicht jener der 1990er- und 2000er-Jahre, es gibt den Blutpass und viele weitere bewährte Anti-Doping-Massnahmen. In keinem anderen Sport wurde derart unverfroren gedopt, allerdings hat sich seit den Skandalen kein anderer Sport derart um Verbesserungen bemüht. Es hat in der Szene Leute, die aufrichtig versichern, dass man heute auch grosse Rennen ohne Betrug gewinnen könne.

Hirschi sagt, er habe sich für das Team Emirates entschieden, weil er dort aus seiner Nachwuchszeit viele Fahrer kenne, darunter Pogaar, die sich gut entwickelt hätten. Und Cancellara sagt, er habe Gianetti stets geschätzt. Zudem gebe es kaum Teams, die in der Führung nicht die eine oder andere Person mit Dopingvergangenheit hätten. «Ich begegnete Mauro erstmals vor zwanzig Jahren. Er hat immer von jenen Teams besonders geschwärmt, die es schafften, mit jungen Fahrern etwas aufzubauen. Nun macht er genau das: Der Teamgeist ist ihm wichtig, er will, dass seine Fahrer eine gute Zeit miteinander haben.»

Ein Veloprofi ist pro Jahr etwa 250 Tage unterwegs, auch darum plagt Hirschi der Lagerkoller, als er Ende Mai für ein weiteres Gespräch mit dem «Magazin» aus Sestriere anruft, ein Piemonteser Dorf auf 2000 Metern über Meer. Das Training ist hart, der Alltag eintönig. Er selbst erschöpft. Es ist sein drittes Höhentrainingslager seit Januar, acht Wochen insgesamt.

Hirschi trainiert für die Tour de France, die am 26. Juni beginnt, und das olympische Strassenrennen in Tokio, das am 24. Juli stattfindet. Die Tour soll er als Helfer an der Seite von Pogaar bestreiten, die Olympischen Spiele als Leader des Schweizer Nationalteams. Noch ist er eher auf Eintagesrennen fokussiert - die Flèche Wallonne, das WM-Strassenrennen, einzelne Tour-Etappen -, doch Iñigo San Millán will aus ihm einen Rundfahrtenspezialisten wie Pogaar machen.

Der Spanier San Millán führt ein interessantes Doppelleben: Er ist Assistenzprofessor für Medizin an der University of Colorado in Colorado Springs und gleichzeitig Cheftrainer des Team Emirates. Die eine Hälfte des Tages widmet er der Krebsforschung, in der anderen Hälfte schreibt er Trainingspläne und bespricht sich über Zoom mit seinen Fahrern.

Hirschi mag nicht gross über die Rundfahrtenpläne seines neuen Trainers reden, ungern schaut er so weit voraus. Dafür hat Richner etwas dazu zu sagen, der Trainer in seinen Anfängen: «Ich muss lachen, wenn die TV-Kommentatoren Marc als Eintagesspezialisten bezeichnen. Ich frage mich dann: Wie kommen die darauf? Marcs Leistungsprofil und Athletenbiografie zeigen mir etwas anderes. Er kann alles: Sprints, schwere Bergetappen, Zeitfahren. Er ist komplett, das hat er in jungen Jahren vielfach bewiesen.»

Sollte irgendwann tatsächlich der Sommer kommen, in dem Hirschi den Tour-de-France-Sieg anpeilt, das grösste, aber auch beschwerlichste Ziel, würde er vermutlich ein ganz anderes Mass an öffentlichem Zweifel erfahren, als er es diesen Winter tat.

Der Generalverdacht ist eine Erbsünde des Radsports, ihm ist jeder ausgesetzt, der in diesem Sport an die Spitze will. Man kann das im Einzelfall unfair finden, und viele Menschen, die im Radsport arbeiten, beschweren sich darüber: Sie sind es leid, für vergangene Fehler zu büssen, mit denen sie nichts zu tun hatten.

Doch der Generalverdacht - oder sagen wir: die Grundskepsis - muss nicht eine zersetzende, sondern kann gar eine gesunde Einstellung sein. Sollte man nicht allen Sportarten mit einem gewissen Vorbehalt begegnen? Ist in Wahrheit nicht viel gleichgültiger, wer das blosse Spektakel feiert, sich aber nicht dafür interessiert, von welchen Teamchefs, Trainern und Ärztinnen der Fahrer umgeben ist?

Man kann sich daran stören, wie oberflächlich und zufällig auch im Radsport Zweifel geäussert werden. Ein Gerücht reicht, und die Debatte wogt wochenlang. Und meistens trifft öffentliche Kritik nur den Besten, aber schon der Zweitbeste wird verschont, dabei kann der morgen der Sieger sein.

Was sich in den letzten Jahren im Radsport aber eben auch gezeigt hat, ist: Die Diskussion über die Sauberkeit etwa eines Tour-de-France-Siegers ist so lebhaft, dass man am Ende vielleicht nicht die ganze Wahrheit kennt, aber ihr ein Stück näher gekommen ist.

Und das gilt ja vielleicht auch für die Geschichte von Marc Hirschi.

 Christof Gertsch ist Reporter von «Das Magazin».

christof.gertsch@dasmagazin.ch 


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