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Sport im Landoten 08-06-2021

Eine Nacht im Gebärsaal, tausend Tode am Albula und ein zweiter Platz

Turbulente Tour de Suisse Mathias Frank rollt zum Karriereabschluss auf seinen Heimstrassen.
Auf diesen erlebte er fast alle Extreme.

Pokerspieler wird Mathias Frank nach seiner Karriere kaum. Zu offensichtlich lassen sich die Emotionen im Gesicht des 34-jährigen Luzerners ablesen. Wenn er sich einen Pass hochkämpft, scheint seine Gesichtsmuskulatur so sehr mitzuarbeiten wie die Beine, das Leiden ist ihm dann ins Gesicht geschrieben. Auch deshalb war Frank stets einer, mit dem sich die Zuschauer identifizieren konnten, weil er die Berge nicht spielerisch hochfuhr, sondern kämpfend.

Mit Frank fieberten Herr und Frau Schweizer zudem mit, weil Erfolge ihm nur selten zufielen. Genau davon erzählt auch Franks Beziehung mit der Tour de Suisse. Er bestreitet diese nun zum elften und letzten Mal, heute führt die Fahrt in Pfaffnau gar an seinem Elternhaus vorbei. Bei den elf Teilnahmen stechen zwei heraus. Die Tour de Suisse 2013 und 2014 zeigen exemplarisch, wofür Franks Karriere steht.

Vom polternden Chef von Wolke 7 runtergeholt

Zuerst ist da eine tiefe Enttäuschung. Sie folgt paradoxerweise auf einen von Franks emotionalen Tour-Höhepunkten. Er bestreitet seine fünfte Saison im US-Team BMC Racing, das mit Schweizer Geld finanziert wird, aber einen sehr internationalen Fokus hat. Da ist die Tour de Suisse keine Ausnahme. Egal, ob da einem Luzerner Profi das Rennen ganz gut zu liegen scheint - im Vorjahr wurde er Sechster.

Frank ist der Edelhelfer des Teamprotegés Tejay Van Garderen. Er versteht sich gut mit dem Amerikaner, nachdem der die Tour of California gewonnen hat, sagt er zu Frank: «Probier’ es an der Tour de Suisse auf eigene Faust, du bist so gut drauf!» Nur: Die Abmachung ist mit der Teamleitung nicht abgesprochen. Tatsächlich übernimmt Frank - auch dank Van Garderens Helferdiensten - in Meiringen das Leadertrikot. Auf Wolke 7 schwebt er ins Teamhotel. Doch da ist von Freude nichts zu spüren. Vielmehr poltert am Abend der Sportliche Leiter John Lelangue und weist vor allem Van Garderen zurecht.

Trotzdem behauptet Frank das Trikot ziemlich souverän, geniesst die neue Aufmerksamkeit, die ihm zuteilwird. Die Quittung dafür kriegt er am Albulapass. Er kennt den Pass vom Training auswendig, weiss genau, dass er das steile Stück in der Mitte überstehen muss. Doch dort kann er den Besten nicht ganz folgen, hofft auf Van Garderens Hilfe. Aus dem Teamfunk kommt sogleich die Anweisung: «Tejay, du wartest nicht auf Mathias. Fahr dein eigenes Rennen.» Wie ein Mantra wiederholt Lelangue die Ansage, «das zog mir den Stecker», sagt Frank, der bis zur Passhöhe tausend Tode stirbt. Er startet zwar noch als Leader zum Schlusszeitfahren nach Flumserberg - erleidet aber einen monumentalen Einbruch, rutscht gar noch vom Podest.

Spätestens als er nach dem Medienmarathon im Ziel zurück zum Teamhotel kommt, weiss er, dass er bei BMC keine Zukunft hat. Denn da ist niemand mehr, keine Kollegen, kein Teambus. Alle sind bereits abgereist. «So kann ich nicht weitermachen», meldet er seinem Manager.

Das Angebot von IAM Cycling kommt da wie gerufen. Das neue Schweizer Team sucht einen Schweizer Leader. Und Frank, der nun sechs Jahre den Helfer gegeben hat, will Leader sein.

Pendeln zwischen Rennen und Inselspital

2014 scheint ihm fast alles zu gelingen. Und doch wird alles wieder kompliziert zum Saisonhöhepunkt hin. Franks Frau ist schwanger, die Nacht vor dem Tour-Start verbringen die beiden im Spital, weil sie Beschwerden hat. Frank sitzt im Inselspital und muss sich entscheiden: Frau und Kind oder Tour de Suisse? «Ich weiss nicht mehr, wie ich den Entscheid fällte. Es war einer der krassesten Momente in meinem Leben.» Wenig später findet er sich im Zug Richtung Bellinzona wieder, «ich weinte die ganze Fahrt».

In der Nacht nach der zweiten Etappe wird Frank wieder nach Bern gefahren, wegen Komplikationen bei seiner Frau muss das Kind zur Welt gebracht werden. Irgendwann gegen Morgen, als die stärksten Emotionen abgeflacht sind, fragt sie ihn: «Und was machst du jetzt?» Sie gibt ihr Einverständnis zur Weiterfahrt, wenn er verspricht, jede Nacht bei ihr zu verbringen. So wird er zum Pendler zwischen den Welten. Tagsüber bestreitet er Tour--Etappen, direkt danach wird er zurück ins Inselspital gefahren.

«Ich spürte die Pedalen nicht in dieser Woche, alles ging wie von alleine, das Rennen war mir egal.» Vor der Schlussetappe ist der Gesamtsieg tatsächlich in Griffweite. Hoch nach Saas-Fee müsste er einzig den Portugiesen Rui Costa um neun Sekunden distanzieren. Am Start sagt er sich: «Jetzt bist du hier und gewinnst das Ding.»

Der sportliche Höhepunkt in Frankreich

Die ganze IAM-Equipe macht Tempo, doch Costa lässt sich nicht abschütteln. Für Frank ist es trotzdem die beste Erinnerung ans Heimrennen. «Wie wir da als Team von unserer Mission überzeugt waren, das war genial.»

Ähnliche Emotionen erlebt er noch im Jahr darauf an der Tour de France, die er auf Rang 8 abschliesst - es ist das wertvollste Resultat seiner Karriere. Nach dem Ende von IAM wechselt er 2017 zum französischen Team AG2R. «The Lost Years» nennt Frank den letzten Karriereabschnitt nüchtern. Die ganz grosse Form von 2013/14 findet er nie mehr. Entsprechend fällt ihm der Abschied nun nicht allzu schwer.

Als vor einem Jahr keine Rennen stattfanden, absolvierte er ein Praktikum bei einem Radsportunternehmen. «Ich merkte, dass ich sehr wohl Wissen mitbringe, das einen Nutzen hat.» Nächste Woche, als erster Akt nach seiner Profikarriere, wird ein künftiges Engagement verhandelt.

Emil Bischofberger


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